„Dann machst es du, Otto!“ – R.I.P. Otto Jungbauer

Zweimal begegnete der Autor dieser Zeilen dem am 27. Dezember 2018 verstorbenen Otto Jungbauer. Es gäbe also sicher Berufenere, einen Nachruf auf ihn zu verfassen. Ich versuche es dennoch – für seit1908.at, für unsere LASK-Familie.
 
Das erste Mal begegnete ich Otto Jungbauer persönlich in den Räumlichkeiten des Linzer Theatercasinos am 14. Mai 1991 zwischen 01.00 Uhr und 02.00 Uhr morgens. Nach mehr als sechs Stunden hatten sich die Türen des Hofsaales auch für mich und zwei weitere LASK-Freunde geöffnet. Zu dritt hatten wir bangend und hoffend auf das Ergebnis der außerordentlichen Generalversammlung des LASK gewartet, die am frühen Abend des 13. Mai begonnen hatte.
 
Die Existenz unseres LASK hing in dieser Nacht am seidenen Faden. Der LASK war in eminente wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und selbst der Langzeitpräsident Rudolf Trauner, der ein Jahr zuvor nach der unglücklichen Kurzzeit-Ära von Johann Molner noch einmal eingesprungen war, wollte unter keinen Umständen mehr bleiben und hatte sich in der Not auf die Seite der zahlreichen Befürworter einer Fusion mit dem FC Linz geschlagen. Doch Trauner wollte zumindest einen Verantwortungsträger namhaft machen, der die Sitzung schießen würde. Doch selbst auf direkte Anreden erntete er nur Ablehnung oder Schweigen. Geschwiegen hat zunächst auch Otto Jungbauer, aber auf Trauners Worte „Dann machst es du, Otto!“ hat er auch nicht widersprochen und so war er weit nach Mitternacht plötzlich ein zweites Mal LASK-Präsident. Noch in den folgenden Minuten wurde das neben der Vereinsauflösung zweite Schreckgespenst dieses Abends vertrieben. Eine Fusion mit dem FC Linz kam für Jungbauer nicht in Frage. Er schloss sich in dieser Angelegenheit sofort der zwar kleineren, aber bis ins Herz schwarzweißen, Fraktion rund um den Technischen Direktor Franz Enzenebner sowie den Gönnern und guten Seelen Eduard Spitzer und Erich Polluk, an.
 
Als wir drei Anhänger uns dann einigermaßen schlau gemacht hatten und Herrn Jungbauer freudig dafür dankten, dass er unseren Herzensklub soeben gerettet hatte, erlebten wir ihn einerseits bescheiden, aber durchaus auch bestimmt, sicher, tatendurstig und sogar etwas heiter.
Mit diesen Attributen ausgestattet ging er wohl auch seine zweite Amtszeit an.
 
Die erste Ära der Präsidentschaft des Linzer Uhrmachermeisters lag schon etwas länger zurück, war aber umso denkwürdiger. Otto Jungbauer ist jener Präsident, unter dessen Ägide der legendäre Double-Gewinn des LASK erreicht wurde. Jungbauer hatte zur Winterpause 1964/65 den Eindruck, seine Mannschaft würde sich im Abstiegskampf befinden und eine Frischzellenkur würde ihr guttun. So engagierte er aus der damaligen CSSR den in Österreich weitgehend unbekannten Frantisek Bufka als Trainer. Mit bisher nie gekannter Konditionsschinderei machte dieser die LASK-Spieler dermaßen fit, dass diese – natürlich auch großartigen Fußballer - im Frühjahr kein Spiel mehr verloren und noch Meister und Cupsieger wurden. Es wird auch überliefert, dass die Spieler in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel bei der Vienna draufgekommen sind, dass sie mit dem Präsidenten keine Meisterprämie ausgehandelt hatten. Das wollten sie noch rasch nachholen und drohten mit Streik. Jungbauer soll daraufhin angedeutet haben, dass er dann eben die Junioren nach Wien schicken würde. Jedenfalls konnte in einem Gespräch mit Kapitän „Cäsar“ Sabetzer die Sache schnell wieder aus der Welt geschafft werden.
 
Auch in seiner zweiten Amtsperiode war Jungbauer wieder Präsident einer LASK-Meistermannschaft. Mit Goran Kartalija, Sascha Metlitzki, Richard Niederbacher oder Manfred Linzmaier und anderen hatte er wahre Juwelen zum LASK geholt. Diese strahlten in der Saison 1993/94 so hell wie das Gesicht des Präsidenten bei der Meisterfeier am Schillerplatz. Wenige Tage zuvor hatten Klaus P. und ich Herrn Jungbauer einen Strauß schwarzer und weißer Rosen in sein Geschäft an der Landstraße gebracht, um uns im Namen des Anhängerklubs bei ihm zu bedanken. Und da war sie wieder, die zurückhaltende Bescheidenheit und doch auch die Dankbarkeit, dass wir an ihn, „der ja gar nicht spielte“, gedacht haben.
 
Dass er mit Juwelen und Immobilien handelte, dass sich Ferrari- und Bentley-Autos in seiner Garage fanden, das gehörte zu ihm, ließ ihn aber nie abheben, vielleicht auch deshalb nicht, weil er seine nahezu mittellose Herkunft nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen nicht vergessen hatte.
Beim LASK ging es wie so oft bald nach einem großen Erfolg erneut bergab. Das Geld wurde wieder knapp, anonyme Anzeigen bei der Finanz, im und um den Klub herum wurden Grabenkämpfe ausgefochten…all das mag zu den so oft zitierten abmontierten Urinalen und herausgedrehten Glühbirnen auf der LASK-Anlage in der Neuen Heimat geführt haben, all das mag zu den kleinen Kadergrößen und zu den spartanischen Anreisen zu Spielen geführt haben.  Ja, Otto Jungbauer hatte manchmal seltsame Ideen, er wirkte oft etwas schrullig, er kam mit Trainer und Spieler in Schwierigkeiten, er hatte wohl auch oft eine andere Sichtweise auf das was im Profifußball nötig ist oder nicht, er amtierte auch zu einer Zeit als gerade solche Fragen neu beantwortet wurden und das wohl nicht mehr ganz im Sinne seines Denkens. Spektakulär informierte er im Jänner 1995 in ganzseitigen Inseraten in allen großen oberösterreichischen Tageszeitungen die „Sehr geehrten LASK-Freunde“ von seinem Rücktritt. Dass man in ihm später den alleinigen Sündenbock sah und ihn sogar vom Verein ausschloss, mag vielleicht im Zuge der Sanierungsbemühungen ein Zeichen gewesen sein, war aber ein typischer Fall von „weit übers Ziel geschossen“.
 
Otto Jungbauer war einer, der Jahrzehnte für diesen Verein sehr, sehr viel Gutes getan hat. Sein LASK-Werk ist viel größer als dass man sich seiner nur wegen Urinale und Glühbirnen erinnern sollte.
 
Otto Jungbauer war ein stolzer LASKler, der die Verantwortung übernommen hatte, als es unbedingt nötig war, weil es hieß „Dann machst du es, Otto!“
„Dann machst du es, Otto!“ könnte man auch für andere Lebensbereiche als eine Art Motto sehen: Bei seinem eigenen gesellschaftlichem Aufstieg, bei seinen sozialen Aktivitäten, die er nie an die große Glocke hing, bei seinen großzügigen Trinkgeldern, die er bei seinen täglichen Kaffeehausbesuchen hinterließ und auch bei den zahlreichen LASK-Spielern, denen er oft kurzerhand  ganz unbürokratisch half.
 
Seine große Liebe, das größte Juwel seines Lebens, wie er sie nannte, Annemarie, seine beiden Töchter Alexandra und Gabriele sowie seine beiden Enkelkinder Moritz und Anne-Marie waren bis ins hohe Alter sein großer Stolz.
 
Unser Mitgefühl und Beileid gilt ihnen allen und der gesamten Trauerfamilie!
 
Und wenn jemand von diesen Familienmitgliedern wieder einmal am Grab des geliebten Familienmenschen stehen sollte, dann möge er doch bitte Otto Jungbauer noch einmal zuflüstern:
 
„Die LASK-Familie blickt mit Stolz und Dankbarkeit auf Dein Wirken zurück. Danke Otto, dass Du es gemacht hast!“
Einmal LASKler, immer LASKler!
 
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Quellen:
  • https://www.nachrichten.at/sport/mehr_sport/Otto-Jungbauer-starb-mit-95-Jahren;art109,3088924
  • https://volksblatt.at/lask-legende-starb-mit-94/
  • Christoph Zöpfl, Otto Jungbauer. Ein Ehrenmann, der nicht geehrt werden wollte; in: Oberösterreichische Nachrichten, Printausgabe, Samstag, 5. Jänner 2019, Seite 30
  • Hubert Potyka, „Narr auf Lebenszeit“. Präsidenten in erfolgreichen und stürmischen LASK-Zeiten; in: Rudolf Matheis (Hrsg.), Ewig lockt der LASK. Das offizielle Buch zu „100 Jahre LASK“, Trauner-Verlag 2008, 102-111
  • Ein LASK-Juwel hat Linz zur Fußball-Hauptstadt gemacht. Otto Jungbauers Erinnerungen aufgezeichnet von Hubert Potyka; in: Rudolf Matheis (Hrsg.), Ewig lockt der LASK. Das offizielle Buch zu „100 Jahre LASK“, Trauner-Verlag 2008, 117- 120
Fotos: Günther Waldhör
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