Problem Pauschalisierung – oder wie einzelne Idioten den Ruf einer Fanszene nachhaltig ruinieren können

Übermorgen trifft unser LASK auf den SK Rapid Wien. Die Hütteldorfer plagen neben den sportlichen Problemen auch Sorgen mit den Fans. Uns hat zu dieser Thematik ein Gastkommentar erreicht. Ein Text über den Boulevard, Proleten und Enzephalpygmäen.
 
 
Drei Schritte. Google öffnen, „Fan-Skandal Rapid Wien“ eingeben, die Ergebnisliste ansehen. Wenn man jetzt alles für bare Münze nimmt, was die schreibende Zunft zuletzt auf ihre Titelblätter und Startseiten ejakulierte, könnte man meinen, das schmucke neue Stadion der Grün-Weißen aus dem Westen der Bundeshauptstadt sei ein Krisenherd, der seinesgleichen sucht und den man am ehesten wohl in Ländern wie Syrien oder Afghanistan findet. Medien aller Art und Herkunft schreiben sich seit Wochen die Finger wund über die Anhängerschaft des zweifelsohne populärsten Klubs der Republik. Von Terror ist die Rede, von Gewalt-Exzessen und darüber gestreut wird den Fans noch Homophobie und nicht zuletzt Dummheit vorgeworfen. Das bringt Klicks, das steigert die Auflage. Sachliche Analysen der Situation muss man dann schon etwas genauer suchen. Doch wozu? Die meisten haben sich ihre Meinung bereits bilden lassen von jenen, die dafür bezahlt werden, Informationen zu verarbeiten und wohlportioniert in reißerischen Artikeln der hungrigen Meute vorzusetzen.
 
 
 
Der Block West – ein Haufen Irrer?
 
Doch wie aussichtslos ist die Lage am Rande der Großstadt wirklich? Kann man dem Urteil der Boulevard-Blätter vertrauen, dass der Block-West eine Horde wildgewordener, gesetzloser, unberechenbarer Radau-Brüder ist? Die klare Antwort lautet: Nein. Vielmehr sind es wie in wohl jeder heimischen Fanszene vereinzelte Enzephalpygmäen, die sich nicht im Griff haben und deren vorausschauendes Denken nicht einmal annähernd soweit reicht wie ihre Wurfgeschosse fliegen. Das „Problem“, das die Wiener hierbei haben ist, dass der prozentuell gleiche Anteil an – man verzeihe den Ausdruck – Idioten bei der zahlenmäßig deutlich größeren Fanschar mathematisch unweigerlich unter dem Strich eine größere Zahl ergibt. Macht das die Rapidler automatisch „gefährlicher“? Ebenfalls nein. Denn auch diejenigen Fans, die sich an die Regeln halten, ihre Mannschaft unterstützen wollen und deren einzige „Verrückheit“ darin besteht, ihrem Verein durch die Weltgeschichte hinterherzupilgern – in guten und weniger guten Tagen, stehen in einer höheren Mannstärke der ungehobelten Unterzahl gegenüber.
 
 
Die Schuldfrage gilt es zu klären
 
Wenn man den vorherrschenden Gruppierungen der Fanszene einen Vorwurf machen darf, dann jenen, dass nicht schon seit Jahren viel konsequenter gegen die Unruheherde vorgegangen und die Fanszene schrittweise bereinigt wurde. Vielmehr wurde auf die ungerechtfertigten Pauschal-Vorwürfe gegen die Fanszene mit trotzigen Gegenschlägen reagiert, anstatt sich hinzustellen und zu sagen: „Wir kennen das Problem und wir werden eine Lösung finden.“ Genauso muss sich der Klub den Vorwurf gefallen lassen, diese Vorgehensweise nicht schon viel früher eingefordert zu haben. Oft hatte es den Anschein, man habe Angst vor der Übermacht der organisierten Fanszene und man möchte es sich nicht verscherzen. Dass man in der Anhängerschaft für ein strikteres Vorgehen seitens des Vereins letztendlich aber Verständnis zeigen wird, darauf gilt es zu vertrauen. Jeder eingefleischte Fan wird sich eingestehen, dass die Rufschädigung in keinster Weise zu dulden ist. Und natürlich gilt es auch, ganz genau zu durchleuchten, ob es unter den vom Verein Akkreditierten schwarze Schafe gibt. Die Bilder vom provozierenden Proleten neben dem Spielfeld im Derby vor nicht allzu langer Zeit dürfen sich nicht wiederholen. Unter keinen Umständen.
Dass diese Lösung nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann, versteht sich von selbst. Es gilt, klare Regeln zu definieren und umzusetzen. Wer sich diesen Vorgaben nicht fügen will, darf keinen Platz im Block haben. Das wird vereinzelt auch „Urgesteine“ und somit auf Widerstand treffen. Und genau hier braucht es Konsequenz und den nötigen Nachdruck. Letztendlich wird sich dann weisen, wer es schafft, sich so weit im Griff zu haben, keinen Schaden mehr für Fanszene und Verein anzurichten und wer gehen muss UND wird.
 
 
Der LASK – vom Problemklub zum Paradebeispiel
 
Was hat das Schlamassel des (laut eigener Zählung) Rekordmeisters nun mit dem LASK zu tun? Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Auch hier gab es, getrieben durch den Protest – aber nicht nur deswegen – gegen Schreckens-Herrscher Reichel, etliche unschöne Momente und Szenen, die rund um ein Fußballspiel nichts verloren haben. Und auch hier stürzte sich vor allem die regionale Medienlandschaft auf die Skandälchen wie die Blau-Weiß-Fans auf das zweite Linz im ehemaligen Vereinsnamen. Viel zu oft ließ man es zu, dass Idioten, die wohl kaum der Liebe zum großen ASK wegen bei den Spielen auftricksten, die große Bühne fanden, um Aggressionen, Unzufriedenheiten und fragwürdige Gesinnungen einer breiten Öffentlichkeit zur Schau zu stellen.
Hier möchte ich betonen, dass ich mich nicht (mehr) als Teil der aktiven Fanszen sehe. In jüngeren Jahren begleitete ich den LASK als „Allesfahrer“ durch die düsterste Zeit der jüngsten Vereinsgeschichte. In die düstersten Winkel der österreischen Bundesligageschichte. Untersiebenbrunn, Bad Bleiberg, Braunau und Lustenau, kein Weg war zu weit. Damals waren die wenigen verbliebenen Fans ein relativ unorganisierter, wilder Haufen mit etlichen Krawallbrüdern, die keine Autorität akzeptierten. Und nicht selten fragte ich mich, warum ich mich mit solchen Leuten in einen Block stellte. Das Herzblut siegte zwar und ich machte weiter, die Lust schwand dennoch zusehends. Irgendwann fand ich mich nur mehr am Rande des Fanblocks wieder und nur wenig später wechselte ich die Tribüne, um meinen LASK weiterhin siegen sehen zu dürfen, aber nicht mehr dem Chaos der Szene ausgesetzt zu sein.
 
Frischer Wind im Support-Sumpf
 
Aus dieser 90 Grad gedrehten Sicht der Dinge durfte ich beobachten, dass sich eine junge, aufstrebende Truppe fand, die versuchte, Struktur in dieses Durcheinander zu bringen. Zunächst wurden sie von manchen „alten Hasen“ mitunter belächelt. Die Durchschlagskraft fehlte. Doch mit Konsequenz und Beharrlichkeit feierten sie die ersten Teilerfolge und Unruhestifter wendeten sich nach und nach ab. Zunächst tauchten sie noch bei größeren Spielen auf, irgendwann erblickte man sie nur mehr sporadisch. Natürlich spielte den Jungs dabei in die Karten, dass durch den Gang in die Regionalliga die Bühne gezwungenermaßen kleiner wurde und es somit leichter fiel, als geschlossene Truppe ein Machtwort zu sprechen.
 
Die Landstrassler – eine Liebeserklärung
 
Man möge mir fragliches Halbwissen über die Entstehung und Hintergründe verzeihen. Es ist dies nicht als knallhart recherchierter Bericht, sondern vielmehr als Schilderung meiner Beobachtungen zu verstehen. Denn für den „eher-Außenstehenden“ bedeutete die Formierung der Landstrassler die endgültige Trendwende. Ein nach außen hin geschlossenes Auftreten der Fanszene mit bedingungslosem Support, jungen, fähigen, kreativen und motivierten „neuen“ Gesichtern (für mich zumindest großteils). Seither schaffte man es, Skandale fast gänzlich zu verhindern. (Die Bengalen-Aktion in Innsbruck will ich hierbei großzügig ausnehmen – die Emotionalität nach dem Ableben eines Freundes hat hierbei vielleicht bei dem einen oder anderen die Sinne etwas benebelt. In Erinnerung sollte eine grandiose Aktion bleiben, die als solche – bis die Pyrotechnik den Weg aufs Spielfeld fand – wohl auch von der Medienlandschaft gewürdigt worden wäre)
Die akribisch vorbereiteten und fulminant durchgeführten Choreos werden als Bilder für die Ewigkeit bewahrt und in etlichen Rückblicken noch lange zu finden sein. Die geistreiche, wortgewandte literarische Aufbereitung der Geschehnisse um den LASK und seine wachsende Fanschar zeugen von Esprit und Intellekt. Die Fanartikel punkten mit klassischem und doch extravagantem Design und versetzen mich ein ums andere Mal wieder einige Jahre zurück und ich ertappte mich immer mal wieder mit einem neuen Schal auf dem Heimweg vom Spiel. Und was noch vor einigen Jahren als unmöglich galt, wurde durchgesetzt: Keine Politik im Stadion. Ich könnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt rassistische Zwischenrufe im Fanblock gehört habe, die früher als „Diese Deppen wird es leider immer geben! Das kann man nicht ändern!“ abgetan und einfach hingenommen wurden.
 
Eine Fanszene, auf die man Stolz sein darf
 
Diese rasante, positive Entwicklung wird auch vom Verein gewürdigt und man sucht – was man so hört – den Dialog und tauscht sich mit den Fans in wichtigen Dingen aus. Man darf als Verein wieder stolz auf seine Fans sein. Auch das war mal anders.
Die Landstrassler – und alle befreundeten, unterstützenden Personen und Personengruppen, die diesen Wandel möglich machten - haben genau das geschafft, was bei Rapid dringend nötig ist. Mit frischem Wind und Konsequenz die Marschroute vorzugeben um eine Fanszene zu erschaffen, die vor allem mit einem auffällt: 1908% Einsatz für UNSERE Farben. Ich danke euch, Burschen (und mitunter auch Mädls) – auf dass wir noch lange auf der Überholspur bleiben. Wenn nachfolgende Fan-Generationen eure Werte eingeimpft bekommen, dann können wir uns auf eine großartige Zukunft freuen.
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